UPDATE: Das Restaurant ist dauerhaft geschlossen.
Das Restaurant reinstoff ist schon eine echte Besonderheit und zwar in vielerlei Hinsicht. Es ist eines von sieben 2-Sterne-Restaurants in Berlin und darf 18 Gault-Millau Punkte sein Eigen nennen. Diese hohen Auszeichnungen sind schon wirklich beeindruckend und entsprechend ist ein solcher Restaurantbesuch auch für uns jedes Mal etwas besonderes. Das macht man einfach nicht alle Tage. Aber damit nicht genug! Viele von euch stellen sich ein 2-Sterne-Restaurant wahrscheinlich etwas steif, formell und dadurch ein Stück weit langweilig vor. Das reinstoff wird euch aber komplett vom Gegenteil überzeugen.

Die Küche im reinstoff: ganznah und weiterdraußen

Der Chefkoch Daniel Achilles kreiert im reinstoff zweierlei Menürichtungen. Unter dem Titel „ganznah“ werden vor allem regionale Produkte bzw. Produkte aus Deutschland eingesetzt. Um die hohe Produktqualität zu gewährleisten, spielen saisonale Lebensmittel eine große Rolle. Dem gegenüber steht das „weiterdraußen“-Konzept, dass sich internationaler Zutaten bedient. Achilles setzt sich zum Ziel, den kulinarischen Horizont seiner Gäste zu erweitern. Der kreative Umgang bringt wirklich unglaublich tolle Speisen hervor.

Übrigens: der Name des Restaurants liegt in der Inszenierungen beider Menürichtungen begründet. Möglichst reine Zutaten sollen dabei unverfälscht auf den Tellern der Gäste landen. Und das gelingt in Perfektion.

Was haben wir im reinstoff gegessen?

Wir waren an einem Samstag zum Lunchen dort gewesen. Die Lunch-Menüs unterteilen sich im Gegensatz zur Abendkarte nicht in die oben genannten Richtungen. Dem Gast präsentiert sich eine Speisenfolge mit Fleisch und Fisch, sowie eine vegetarische. Natürlich haben wir auch beide ausprobiert.
Die meisten Sterne-Restaurants arbeiten mit Fisch und Fleisch, aber ich finde es super spannend, wie ein Sternekoch mit vegetarischen Zutaten umgeht. Für mein Dafürhalten sollte es vegetarische und vegane Gerichte in Sterne-Restaurants viel häufiger geben – aber vielleicht trauen sich da auch einfach noch nicht alle ran… ;)

Zurück zum Menü!

Was sollen wir sagen? Wir waren entzückt von den Gerichten, die unsere Gaumen mit ihren Aromen, Konsistenzen, Temperaturen und Kombinationen absolut begeisterten. Mein persönliches Highlight war das Gericht „Spaziergang über das Kohlfeld“. Der Teller war nicht nur schön wie ein Gemälde, sondern auch außerordentlich lecker. Es gab aber wirklich kein einziges Gericht, dass uns nicht verzückte.

Toller Start: Selbstgebackenes Brot mit Butter und gerösteten Sonnenblumkernen.
Die kleinen Gaumenfreuden geben uns einen tollen Vorgeschmack auf das, was uns in den nächsten Stunden erwartet. Highlight: Die Kürbis-Tacos.

Eine kleine Rundführung durch das klassische Menü.

Grevenhof-Forelle mit Mandarine, Kapuzinerwurzel und Dashi – solltet ihr euch auf jeden Fall bestellen!
Gans vom Hof Zelyk mit Ballottine von der Keule, gebeizter Brust, Puntarella und Topinambur
Kalbsonglet mit Algen, Rettich und Unagi-Sauce
„Frischling aus Fürstenberg“ vom Bauch und Rücken, karamellisierte Schwarzwurzeln und Rouennaiser Sauce

Weiter geht es mit den vegetarischen Gerichten.

Nordischer Hotdog mit gelber Bete, Sauerkraut und hausgemachtem Braunkäse.
Maisgrieß mit Kapuzinerwurzel, herzhaftem Eis aus Steckrüben und schwarzem Knoblauch.
„Spaziergang über das Kohlfeld“ mit gratiniertem Sprossenkohl unter der Kümmelkruste und winterlichem Wurzelgemüse

Zum Abschluss gab es noch eins, zwei, drei, … Desserts!

Sensationelle indische Karotte mit Kardamom-Eis, Kumquats, Sesam und Gewürzen.
Zum Abschied gab es noch einige letzte kleine Schmankerl…
… für Judith natürlich ganz ohne Ei. Hierauf wurde übrigens sehr spontan und problemlos reagiert und eingegangen.

Das tolle an Sterne-Restaurants ist ja immer, dass man eine bestimmte Anzahl an Gängen ordert, aber es zwischendrin diverse Grüße aus der Küche gibt, die für Überraschungen sorgen. Vor allem, weil es oftmals außergewöhnliche Kreationen sind, die man sich vielleicht nicht sofort von der Karte ausgewählt hätte. Und so erweitern die Küchengrüße jedes Mal den eigenen kulinarischen Horizont! :)

Die Weinauswahl dazu passte natürlich ebenso hervorragend. Schön fand ich, dass zum Teil auch Naturweine serviert wurden. Denn damit einher geht ein gewisses Risiko, da die Gärung dieser Weine der Natur überlassen bleibt und das Geschmacksprofil durchaus mal variieren kann. Für ein Sterne-Restaurant, dass permanent eine gleichbleibend hohe Qualität abliefern muss, eine toller und durchaus auch mutiger Schritt.

Was ich auch noch hervorheben möchte: Wasser gibt es gratis – chapeau! Während woanders locker bis zu 10 EUR für eine Flasche Wasser (!) zu zahlen sind, gibt es das kühle Nass im reinstoff gratis. So wie es sein sollte. Das Wasser wird über eine Aufbereitungsanlage filtriert und still oder mit Kohlensäure versetzt serviert. Es kann so einfach sein.

Gut gelaunter und flexibler Service

Wie weiter oben schon erwähnt, ist das reinstoff weit entfernt von biederem Ambiente und steifen Gästen. Während unseres Besuchs war das Publikum bunt gemischt. Business-Meetings, ältere und jüngere Pärchen, Einzelpersonen – die Gäste ließen sich nicht in eine Schublade stecken und lockerten die Atmosphäre. Unser Highlight und damit auch ein großer Dank geht gleichsam an den Service. Das Team ist jung, authentisch und trägt ab und an einen kleinen Schalk im Nacken. Wir spürten, dass der Service Spaß an der Arbeit hat, begeistert ist, aber ebenso professionell durch das Menü führt. Wir haben gut gelacht und verließen mit einem breiten Lächeln das Restaurant.

Es ist wirklich toll, dass sich immer mehr gehobene Locations im Umgang stärker auf die Gäste einstellen. Wer es vornehm mag, wird entsprechend behandelt, keine Frage. Wer hingegen alles etwas lockerer möchte, braucht sich nicht in ein Korsett zu zwängen. Das hat uns so gut gefallen, dass wir es einfach noch mal erwähnen mussten.

Weiße Tischdecken treffen auf Industrial Design

Das reinstoff liegt in den Edison Höfen in Berlin Mitte. Dort wurden einst die ersten Glühlampen in Deutschland produziert. Die historischen Räume greifen die Tradition auf und verbinden sie charmant mit modernen Elementen. Besonders schön fand ich die Installation an der Decke mit unzähligen kleinen und große Kugeln.

Im Sommer gibt es übrigens noch eine kleine Terrasse vor dem Restaurant, von der aus ihr noch mal mehr die Atmosphäre der Edison Höfe erleben könnt.

Fazit zum reinstoff

Das reinstoff ist uneingeschränkt empfehlenswert. Die Kombination der Zutaten ist spannend, außergewöhnlich und nimmt euch auf eine Reise durch eure Geschmacksknospen mit. Auch die Art, wie die einzelnen Produkte zubereitet wurden, ist bewundernswert kreativ. Der Service war ganz wundervoll, professionell und gleichzeitig persönlich. Der Preis für das Lunch-Menü ist unschlagbar – und perfekt, um sich mal etwas Besonderes zu gönnen.

Update: Schließung des Restaurants reinstoff

Das Restaurant reinstoff wird leider zum Ende des Jahres 2018 schließen. Im Zuge dessen veranstaltet Chefkoch Daniel Achilles eine kulinarische Abschiedtour namens „Der Goldene Schnitt“, die sich an den Jahreszeiten ausgerichten wird. Die Fünf- bis Neun-Gang-Menüs kosten zwischen 110-198 EUR und können freitags und samstags auch als Lunch-Variante gegessen werden. Wer noch nie im 2-Sterne-Restaurant reinstoff gespeist hat, sollte sich diese letzte Chance nicht entgehen lassen!


Adresse und Öffnungszeiten vom reinstoff:

Restauran reinstoff
Schlegelstraße 26C
10115 Berlin

Di-Do: 19.00 – 23.00 Uhr
Fr-Sa: 12.00 – 13.30 Uhr & 19.00 – 23.00 Uhr